In den 40 Tagen mache ich mir Zeit! – Bischof Bernhard Stein (Trier 1974)
Mittwoch, 25. Februar 2009 von
Frater Gabriel
…Trotz aller Angst vor den großen Worten sind viele von Ihnen mit mir der Meinung, dass es so mit uns und mit unserer Welt nicht weitergehen kann, dass etwas Durchgreifendes geschehen muss: nicht nur in der großen Welt, sondern auch bei einem jeden von uns. So will ich Ihnen ohne lange Umschweife sagen, was wir nach meiner Meinung in dieser Fastenzeit des Heiligen Jahres1974 tun sollen.
1. Meine erste Mahnung heißt: Wir sollten in dieser Fastenzeit, über der das Wort von der Versöhnung, mit Gott geschrieben steht, jeder in seiner Weise wieder fasten, und zwar spürbar. Erschrecken Sie nicht: Ich kann und wiIl nicht – gewissermaßen durch die Hintertür – das alte Fastengebot wieder einführen. Es bleibt dabei, dass gebotene Fasttage für alle, die das entsprechende Alter haben und fasten können, nur der Aschermittwoch und der Karfreitag sind. Ich spreche auch nicht von denen unter Ihnen, für die das ganze Jahr Fastenzeit ist, weil sie arm oder dauernd leiblich oder seelisch krank oder behindert sind. Ihnen, die Sie mir besonders nahestehen, kann ich nur sagen: Versuchen Sie, in dieser Fastenzeit Ihr schweres Kreuz geduldiger zu tragen als sonst, im Gedanken an den, der es für Sie getragen hat, und in der Hoffnung, dass es in der Kraft Christi Segen stiftet.
Ich meine mit meinem Wort vom spürbaren Fasten die vielen unter uns, denen es gut, oft sehr gut geht, und die nichts zu entbehren brauchen. Auch ihnen kann ich nichts vorschreiben, aber ich möchte ihnen einen guten Rat geben. Immer noch gilt die alte Weisheit: Wenn uns die Augen geöffnet werden sollen für das Eigentliche, für Sinn und Ziel dieses kurzen Lebens, wenn das Herz aufgebrochen werden soll, dass es sich aus vielerlei Unordnung zu seinem Gott bekehrt, wenn der alte Mensch mit seinen Begierden und Leidenschaften, der in uns allen steckt, immer mehr sterben soll, damit der neue Christus-Mensch in uns leben und sich entfalten kann, den wir nach dem Wort des Apostels (Gal 3, 27) in der Taufe „angezogen” haben, dann ist Fasten hilfreich. Gewiss ist es zuletzt Gottes Geist, der die Bekehrung wirkt, gewiss können wir ohne ihn nichts zu unserem Heile tun; aber es ist doch nicht einerlei, was wir tun. Solange es Christen gibt, hat unter dem, was wir tun können, das spürbare Verzichten einen bevorzugten Platz gehabt, das Verzichten, zu dem uns die Fastenzeit alljährlich schon durch ihren Namen einlädt.
Ob wir das nicht ein bisschen zu sehr vergessen hatten in den letzten Jahren?
Mancher von Ihnen hat in der Berührung mit ausländischen Arbeitnehmern mohammedanischen Glaubens mit Beschämung festgestellt, wie selbstverständlich viele dieser fern der Heimat im fremden Land lebenden Männer die Strengheiten des Fastenmonats Ramadan auf sich nehmen. Die Mohammedaner wissen übrigens etwas genau, das bei uns in Vergessenheit geraten ist: dass Fasten das Herz nicht nur aufbricht für Gott, sondern auch für den Nächsten. Als man einen frommen Mohammedaner in Jerusalem fragte, warum er mit seinen Glaubensgenossen alljährlich einen Monat lang so streng faste, nannte er als ersten Grund: Wenigstens einen Monat lang möchten wir am eigenen Leib erfahren, wie es den Armen zumute ist, die immer Hunger haben. Wenn man bedenkt, dass das zwei Drittel der Menschheit sind, und dass gerade im letzten Jahr in der Sahel-Zone in Afrika ungezählte Menschen buchstäblich verhungert sind, so kann solch ein Wort einen nachdenklich machen. Wir sagen heute gern, ein Christ müsse auf der Seite der Unterdrückten und der Hungernden stehen, und das ist sicher wahr. Ob das Fasten nicht – zu allem anderen – ein entsprechendes Zeichen wäre, dass es uns ernst ist mit dieser Zusammengehörigkeit!
Im Übrigen gilt mein Rat auch für die vielen, die aus irgendeinem Grunde nicht im engeren Sinn des Wortes fasten können. Auch das ist nämlich eine alte Weisheit, dass es viele Formen des Fastens gibt. Wie heilsam könnte für manche Familie und manche Einzelperson zum Beispiel so etwas wie ein Fernseh-Fasten sein: eine entscheidende Einschränkung der täglich vor dem Bildschirm verbrachten Zeit durch Beschränkung auf ausgewählte Sendungen.
Das ist also mein erster Rat für diese Fastenzeit im Jahr der Versöhnung 1974. Wir könnten es alle – jeder in seiner Weise – wieder einmal mit dem Fasten versuchen, das einst so selbstverständlich war. Nicht um gesund oder schlank zu bleiben oder zu werden, nicht weil uns in einer Art Willenstraining selber zeigen wollen, was wir fertig bringen. Lassen wir uns vom Geiste Gottes antreiben, unsere Selbstsucht, wie Paulus im Galaterbrief sagt, „mit all ihren Leidenschaften und Begierden ans Kreuz zu schlagen” (Gal 5, 24).
2. Aber das Fasten ist kein Verzicht um des Verzichtes, kein Sterben um des Sterbens willen. Wo immer ein Mensch entschieden mit Christus stirbt, da beginnt er tiefer und beglückender aus ihm zu leben. Hier setzt nun mein zweiter Rat für die Fastenzeit 1974 ein. Wir müssen nicht nur etwas gegen den alten, wir müssen etwas für den neuen Menschen in uns tun. Wenn jemand Exerzitien macht, dann genügt es nicht, dass er gewissenhaft das Stillschweigen hält – auch das ist ja eine Art von Fasten; das Stillschweigen steht im Dienst der Neubesinnung auf den Glauben. So steht unser Fasten im Dienst religiöser Besinnung. Wie oft im Jahr sagen wir zueinander: Es ist doch ein Jammer, dass uns heutigen Menschen für die wirklich wichtigen Dinge keine Zeit bleibt. Damit das nicht das ganze Leben weitergeht, muss man das kostbare Angebot, das solch ein Jahr der Versöhnung und das vor allem die Fastenzeit eines solchen Jahres bietet, nützen und sagen: In den 40 Tagen mache ich mir Zeit!
Sollte es wirklich jemanden unter uns geben, der so gehetzt ist, dass er nie Spazierengehen, nie Zeitung lesen, nie vor dem Fernsehgerät sitzen kann? Wenn wir das alles können (oft stundenlang), sollte man meinen, wir könnten uns Zeit machen für fünf Minuten mehr Gebetszeit am Morgen und am Abend, für ein religiöses Buch, für den Besuch der Fastenpredigten, die uns ja ähnlich wie die Vorträge in den Exerzitien zur Vertiefung helfen wollen.
Alles Reden von Versöhnung mit Gott bleibt hohl, wenn wir nicht zu uns selbst kommen. Hungern wir nicht alle danach dass es in unserem Leben Stunden oder doch Augenblicke geben müsste, in denen sonst nichts mehr zählt, in denen die Uhren stillstehen, in denen nur noch eines wichtig ist, einer: Gott allein, der uns das Leben gab, und der es von uns fordern wird – wann, weiß nur er. Man kann sich mit Gott nicht versöhnen, wenn man nicht endlich stillhält oder besser: sich festhalten lässt von ihm. Wir sollten beten, wie schon Augustinus gebetet hat: „O Gott, weil ich krank bin, entgleite ich dir immer wieder. Heile du mich, und ich halte still” (Enarrationes in psalmos 85, 3).
3. Meine lieben Mitchristen! Hier wird deutlich, was das alles, was wir bis jetzt miteinander überlegt haben, mit der Versöhnung mit Gott zu tun hat. Verzicht und Vertiefung sind die unerlässliche Voraussetzung für das, was Versöhnung mit Gott meint. Erst wenn wir ernstlich zu uns gekommen sind, bekommen wir uns selber in den Blick, entdecken wir, wie weit wir von dem entfernt sind, was wir sein sollten, von dem, was Gott mit uns vor hat. Vielleicht ist es schwerwiegendes Versagen, das wir lange an den Rand des Bewusstseins gedrängt haben, und das auf einmal groß vor uns steht: Unordnung, die sich unmerklich in unser Leben eingeschlichen hat und es mehr und mehr vergiftet. Es kann sein, dass das erste Gebet, das sich auf unsere Lippen drängt, wenn wir endlich einmal stillgehalten haben vor dem Herrn, das des Petrus ist: „Herr, geh weg von mir, im bin ein sündiger Mensch (Lk 5, 8). Solch ein Gebet ist der Anfang der Versöhnung, ja es wirkt bereits Verzeihung, wenn es aus der Tiefe reumütiger Liebe aufsteigt.
Aber die Kirche ist eine sichtbare Gemeinschaft; sie kann es nicht bei diesem inneren Vorgang bewenden lassen. Hier muss mein Rat lauten: wo schwerwiegendes Versagen zwischen uns und Gott steht, da wollen wir uns dieser Schuld stellen und sie im Bußsakrament bekennen, damit uns jene sichtbare und hörbare Versöhnung mit Gott zuteil wird, die uns wieder fähig macht zur Teilnahme am Tisch des Herrn.
Die Beichte kann besonders dazu helfen, persönlich die Schuld zu bekennen und sich von ihr abzuwenden, tiefer liegende Fehlhaltungen aufzudecken und eine neue Richtung für die Zukunft einzuschlagen. Wir sollten deshalb – auch wenn wir uns keiner schweren Schuld bewusst sind – in Zeitabständen, in denen das eigene Tun noch überschaubar ist, das Bußsakrament empfangen.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch die Bußgottesdienste erwähnen. Sie sind ein Segen für alle, auch für den, der in solch einem Bußgottesdienst erkennen würde, dass er seine Schuld persönlich im Bußsakrament bekennen muss, ehe er wieder zum Tisch des Herrn hinzutreten darf. Oft wird ja gerade der Bußgottesdienst entscheidend dazu helfen, dass wir endlich stillhalten vor Gott, dass wir uns selber in den Blick bekommen und das Ausmaß unserer Schuld vor Gott und vor den Brüdern erkennen…
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1 Kommentar »

Februar 26th, 2009 um 18:55
Ehrwürdiger frater Gabriel,
vielen Dank für die Bereitstellung dieser Gedanken zum Beginn der Quadragesima. Ich komme öfters hierher, um den Blog der Passionisten zu lesen.
Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie über die Kommentarfunktion des Blogs kontaktiere, ich habe keine andere Kontaktmöglichkeit auf der Seite des Blogs gefunden. Ich möchte mich mit einer Bitte an Sie und Ihre Mitbrüder wenden:
Vor drei Jahren habe ich mir das von Ihrer Kongregation herausgegebene “Kreuzeslob” gekauft und seitdem viele Hilfen für mein geistliches Leben daraus gewinnen können. In diesem Jahr fällt in unserer Pfarrei die Aufgabe an mich, den Karfreitags-Kreuzweg für die Kinder der Gemeinde zu gestalten. Leider findet sich im Kreuzeslob keine spezielle Kreuzwegandacht für Kinder. Aber vieles, was ich im Internet und in anderen Büchern gefunden habe, wird dem Anliegen, eine Betrachtung des Leidens unseres Herrn in kindgerechter Weise zu sein, nicht gerecht. Ich wollte Sie daher fragen, ob Sie oder einer Ihrer Mitbrüder eine Anregung für mich hat, wo ich einen gescheiten Kreuzweg für Kinder finden kann. Die Andacht sollte wirklich kindgerecht gefasst sein, aber dennoch das Geheimnis der Via Dolorosa unverstellt betrachten.
Ich hoffe, ich verlange nicht zuviel von Ihnen und belästige Sie nicht mit meiner Frage. Nur kam mir bei der Suche nach einem geeigneten Kreuzweg sofort Ihre Gemeinschaft in den Sinn.
Ihnen und Ihren Mitbrüdern wünsche ich von Herzen eine gesegnete und gnadenreiche Fastenzeit und eine fruchtbare Vorbereitung auf die Feier von Leiden, Tod und Auferstehung unseres Herrn.
In Christo,
Marc Stenger,
Diakonandus in Königstein/Ts.