4. Adventsonntag (Mt 1, 18-24) – Maria durch ein Dornwald ging
Mittwoch, 22. Dezember 2010 von
Pater Stefan
Im Advent denken wir daran, wie einst der Sohn Gottes Mensch wurde, um „sein Volk von seinen Sünden zu erlösen“ (Mt 1, 21). Hier haben wir die eigentliche Begründung für die Menschwerdung, wie es heute das Tagesevangelium unterstreicht. Gleichzeitig sehen wir, wie eng das Weihnachtsgeheimnis mit den österlichen Heilsgeheimnissen von Tod und Auferstehung des Herrn verbunden ist. Unser heutiges Tagesgebet, welches wir sonst immer beim Angelus beten, verweist genauso auf diesen Zusammenhang: „Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes erkannt. Führe uns durch sein Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung.“
Manchmal können Lieder diese christliche Frohe Botschaft ebenso gut vermitteln, wie zum Beispiel das aus dem Eichsfeld stammende Adventslied: „Maria durch ein Dornwald ging“. Auf den ersten Blick erscheint darin alles wie im Märchen, gerade dann, wenn von den blühenden Dornen die Rede ist, welche Rosen tragen. Doch in diesem Lied verbergen sich ganz tiefe Aussagen, die wir nun ein wenig entdecken wollen.
Wenn vom Ort des Geschehens dem Dornenwald berichtet wird, dann ist dies ein versteckter Hinweis auf das Paradies und den Sündenfall. Seit der Vertreibung aus dem Paradiesgarten (Gen 3) ist das Erdendasein von „Dornen und Disteln“ (Gen 3,18) geprägt. Wenn es im Lied heißt: “Der hat in sieben Jahr kein Laub getragen“, dann ist es kein Zufall, dass wir hier die Zahl „sieben“ haben. Eine gewisse Zeit herrschte im Leben der Menschen dieser beschriebene Dornenwaldzustand. Doch das sollte nicht immer so sein, vergleichbar einem Zeitabschnitt wie bei den „sieben fetten bzw. dürren Jahren“ in der alttestamentlichen Josefsgeschichte (Gen 41). In „sieben Tagen“ geschah das Schöpfungswerk (Gen 1) und nach dem Zerbrechen der Schöpfungsordnung, nach dem Sündenfall, deutete Gott bereits die Neuschöpfung in seinem Sohn an: „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und triffst ihn an der Ferse“ (Gen 3,15f). Diese Neuschöpfung mit dem endgültigen Sieg über den Bösen und das Böse haben wir im „neuen Adam“ (vgl. Röm 5; 1 Kor 15) Jesus Christus und in der „neuen Eva“ Maria. Bei den Kirchenvätern ist dies ein sehr beliebtes Thema. Der Hl. Hieronymus formuliert es kurz und bündig: “Tod durch Eva, Leben durch Maria.“[1] oder der Hl. Johannes Chrysostomus: „Eine Jungfrau trieb uns aus dem Paradies, durch eine Jungfrau finden wir das Leben“[2]
In unserem Lied heißt es weiter: „Was trug Maria unter ihrem Herzen – Kyreleison. Ein keines Kindlein ohne Schmerzen, das trug Maria unter ihrem Herzen.“ Welche Ehrfurcht muss der Mensch haben vor dem Geheimnis des Lebens, wenn selbst der Sohn Gottes, wie wir alle im Schoß einer Frau lebte und heranwuchs. Dies geschah jedoch für Maria völlig schmerzlos, bis hin zur Geburt, so der katholische Glaube.[3] Die Begründung ist recht einfach. Die Last nach dem Sündenfall, die für Eva und alle ihre Töchter gilt: „Unter Schmerzen gebierst du Kinder“ (Gen 3,16), konnte für den sündlosen Jesus Christus und seine sündlose Mutter Maria nicht gelten.
An Weihnachten feiern wir das, was wir im Credo bekennen: „natus ex Maria Virgine“ / „geboren aus Maria der Jungfrau“. Damit begann der Heilsweg des Heilandes für dich und für mich, und damit wurde Maria zur Mutter des Erlösers und zur Mutter der erlösungsbedürftigen Menscheit. Bis zur Ankunft Jesu Christi durch die Jungfrau Maria herrschte ein dürres, totes Dasein auf der Erde, wie es der Dornenwald andeutet. Unser Adventslied fasst den heilsbedeutenden Wendepunkt so zusammen: „Da haben die Dornen Rosen getragen – Kyrie eleision – Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Rosen Dornen getragen.“ Wo Maria und Jesus hinkommen, da beginnt es zu blühen, da beginnt Totes zu leben, da bricht das Leben in seiner vollen Blütenpracht hervor. Das hat nicht nur einmal stattgefunden, sondern das soll immer stattfinden, in jedem Leben mit seinen vielfältigen dornenreichen Leid- und Todeserfahrungen. Es fällt auf, dass aus den Dornen Rosen wachsen. Dieses soll keine biologische Möglichkeit beschreiben, sondern ist eine theologische Aussage. Die Dornen verschwinden durch das Durchschreiten von Jesus und seiner Mutter nicht aus der Welt. Beiden begegnen im wahrsten Sinne des Wortes dornenreichen Lebenssituationen, die wir in der Passion des Herrn und den Schmerzen Mariens immer wieder betrachten. Dem Erlöser wird sogar eine Dornenkrone auf sein Haupt gesetzt. Diese sollte ein Spottzeichen sein und zeigt: die Welt krönt ihren Erlöser mit Tod und Leid. Damit durchlitt Jesus etwas, was vorher Gott nicht erleben konnte, denn Gott ist stets lebendig, ewig und unsterblich. Weil Jesus auch ganz und gar Mensch geworden ist, erlitt er Tod und Schmerzen, weil dieses zum menschlichen Dasein dazugehört. Tod und Leid sind die Folgen des Sündenfalles. Durch Christi heilbringendes Leiden wird dieses nun durchbrochen – und mehr noch – sogar alle Sünden der Welt aller Zeiten weggenommen. Da der Sohn Gottes dies durchlebte, verwandelte er dadurch Tod und Leid.
Auch unser Leid kann sich verwandeln. Die einsam, krank oder traurig sind, deren Dornen können Rosen tragen, wenn sie mit Jesus und Maria zusammen gehen. Wenn wir darum in wenigen Tagen in der Krippe das Jesuskind sehen, dann ist es der gleiche, der am Kreuz starb und siegreich aus dem Grab erstand. Advent heißt: Ankunft des Herrn. Lassen wir den Herrn ankommen, zusammen mit seiner Mutter, auch in unserem Dornenwald, damit unsere Dornen Rosen tragen können.
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1 Kommentar »

Januar 5th, 2012 um 12:49
Eine herrliche geistliche Lektüre!Vergelts Gott!