In der Stunde von Gethsemane erreicht dieses immerwährende Leiden seine bitterste Schärfe. Das Leben Gottes hat keine Zeit und keine Veränderung; es steht in unendlicher und einfacher Gegenwart. Das Leben des Menschen geht in Zeiten, steigt und fällt. Im Herrn war beides, die ewige Gegenwart und der Wandel der Zeit; so wird auch jenes innere Leiden seine Zeiten gehabt haben – des Umfangs, der Dringlichkeit, der Schärfe. Nun war die Stunde, da „alles vollbracht“ werden sollte.
Wer will wissen, wie Gott, der Vater, Ihm damals entgegentrat? Immer war Er sein Vater, und immer ging vom Vater zum Sohne die unendliche Liebe, welche der Geist ist; dennoch ist einmal der Augenblick gekommen, den das Wort ausdrückt: „Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27,46). Wenn wir von diesem Wort nicht lieber schweigen wollen, dann werden wir sagen müssen, der Vater habe sich Jesus so zu erfahren gegeben, als wäre Er der von Gott wegverlorene und verworfene Mensch. Jesus habe in jener Stunde die Einheit mit uns bis ins Geheimnis hinein ausgekostet. Das hat aber doch wohl nicht erst in jenem letzten Augenblick am Kreuze eingesetzt, sondern schon vorher. Wohl schon vorher ist Ihm der Vater als Jener entgegengetreten, der Er dem Sünder gegenüber ist – dem Sünder, dessen Dasein Christus ja als das seine auf sich genommen hatte. Vielleicht dürfen wir sagen, dass in der Stunde von Gethsemane jenes Wissen um die Menschenschuld und Menschenverlorenheit sich vor dem Angesicht des Vaters, der Ihn zu „verlassen“ begann, in seiner letzten Schärfe aufgerichtet hat. Da hat jenes Wissen und Leiden eine Furchtbarkeit angenommen, von der Jesu sichtbares Sich-Ängsten und Zurückschaudern, das „gewaltigere Beten“ und der Schweiß, der „wie Tropfen Blutes wurde, die zur Erde niederrannen“, das letzte an uns gelangende Zeichen waren – so wie ein Wirbel an der Oberfläche des Meeres das äußerste Anzeichen einer Katastrophe sein mag, die auf dessen Grunde vorsichgeht, und deren Ausmaße unsere Vorstellungskraft übersteigen.
Das war die Stunde von Gethsemane: Dass Jesu Menschenherz und -geist in die letzte Erfahrung dessen eintrat, was die Sünde vor dem richtenden und rächenden Antlitz Gottes bedeutet. Dass sein Vater von Ihm forderte, Er solle diese Sünde als die seine auf sich nehmen. Und dass Er, wenn man so sagen darf, den Zorn des Vaters wider die Sünde gegen sich, der sie auf sich genommen, gerichtet sah und die Abwendung des Ihn „verlassenden“ heiligen Gottes erfuhr.
Wir „reden nach Menschenweise“. Vielleicht täten wir besser, zu schweigen. Aber wir sprechen ja nicht, um etwas aus Eigenem zu sagen, sondern um einen Dienst zu tun. Und gebe der Herr, dass jene Stunde an uns, die wir von ihr reden, nicht verloren sei. In ihr hat Er den Willen des Vaters angenommen und den Seinen hingegeben. „Sein“ Wille war nicht, sich gegen Gott zu behaupten; das wäre ja die Sünde gewesen. Dieser „Wille“ war wohl nur der Schauder eines so lebendigen und reinen Wesens davor, im Stand des Sünders stehen und – nicht aus persönlichem Tun, aber aus der unendlichen Verselbigung der stellvertretenden Liebe – Jener sein zu wollen, auf dem der Zorn Gottes lag. Das anzunehmen, war wohl der Inhalt seiner Worte: „Nicht was Ich will, sondern was Du.“
Da ist alles durchgekämpft worden. Was nachher kam, war der Vollzug dieser Stunde. In ihr wurde alles vorweggenommen; was nachher kam, war nur das Vollbringen.[]